Dem australischen Regisseur und Oscar-Preisträger Adam Elliot ist nach seinem gefeierten Langfilmdebüt „Mary & Max – oder: Schrumpfen Schafe, wenn es regnet?“ erneut ein bittersüßes, in aufwendiger Stop-Motion-Technik hergestelltes Meisterwerk voller liebenswert-skurriler Charaktere gelungen. In MEMOIREN EINER SCHNECKE, seinem neuen Knetanimationsfilm für Erwachsene, erzählt Elliot einfühlsam, melancholisch und bisweilen düster, aber auch hoffnungsvoll und mit viel Humor von den Höhen und Tiefen des Lebens.
.INHALT.
Die enthusiastische Schneckensammlerin und Liebesromanleserin Grace Pudel erzählt rückblickend die Geschichte eines Lebens, das es nicht immer gut mit ihr gemeint hat. Nach dem Tod ihrer Mutter wachsen Grace und ihr Zwillingsbruder Gilbert bei ihrem querschnittsgelähmten, alkoholkranken Vater auf. Als auch dieser überraschend verstirbt, werden die Geschwister voneinander getrennt und in verschiedene Pflegefamilien gesteckt. Während Gilbert am anderen Ende von Australien den Grausamkeiten einer fanatisch-religiösen Familie ausgesetzt ist, zieht sich Grace immer mehr in ihr Inneres zurück – genau wie ihre geliebten Schnecken. Erst durch die Freundschaft mit Pinky, einer exzentrischen älteren Dame voller Lebensfreude, schöpft sie wieder Hoffnung und erkennt, wie schön das Leben trotz all seiner Härte sein kann.
.KRITIK.
Adam Elliot, der bereits mit Mary and Max bewiesen hat, wie viel Tiefe in Knetanimation steckt, erzählt in MEMOIREN EINER SCHNECKE von Grace, einer Frau, die früh lernen musste, mit Verlust und Einsamkeit zu leben. Gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Maurice wächst sie in schwierigen Verhältnissen auf – bis sie getrennt werden und Grace allein zurückbleibt. Ihr Leben ist geprägt von Traurigkeit, von sozialen Ängsten, von dem Versuch, die Brüche zu verkleben, die das Schicksal ihr auferlegt.
Elliots Handschrift ist unverkennbar: Seine Figuren sind skurril und liebevoll gezeichnet, nie glatt oder gefällig, sondern voller Risse – und genau diese Risse machen sie menschlich. Die Stop-Motion ist detailreich und zart, die Welt von Grace wirkt wie aus melancholischem Ton geformt, immer mit einem Hauch Humor, der die Schwere tragbar macht. Die Erzählerstimme (im Original mit großem Charme und Trockenheit gesprochen) gibt den Bildern einen Rhythmus zwischen Witz und Wehmut, sodass der Film nicht ins Düstere kippt, sondern warm bleibt.
Stark ist vor allem, wie Memoiren einer Schnecke von Einsamkeit erzählt, ohne platt zu psychologisieren. Grace’ Sammelleidenschaft für Schneckenhäuser wird zu einem poetischen Bild: Man zieht sich zurück, man schützt sich, aber man trägt das Zuhause, die Erinnerungen und die Verletzlichkeit immer mit. Elliot schafft es, dass die Zuschauer sich in diesem ungewöhnlichen Gleichnis wiederfinden – ganz gleich, ob sie jemals selbst eine Schnecke gesammelt haben.
Kleinere Schwächen ergeben sich aus der Erzählweise: Manche Passagen sind etwas repetitiv, einige Nebenfiguren bleiben schemenhaft. Für Zuschauer, die ein schnelles Tempo oder klare Wendungen erwarten, kann der Film zu still, zu elliptisch wirken. Doch gerade diese Langsamkeit ist Teil seiner Kraft – sie passt zur Hauptfigur, die ihr Leben in kleinen Schritten begreift.



.FAZIT.
Am Ende ist Memoiren einer Schnecke eine berührende Geschichte über Verlust, Selbstakzeptanz und die kleinen Verbindungen, die uns retten können. Wer sich auf die Mischung aus Traurigkeit, schrägem Humor und poetischer Bildsprache einlässt, wird mit einem Film belohnt, der weit mehr ist als nur eine Knet-Animation: ein stilles, eigenwilliges, sehr menschliches Werk.
| Originaltitel | Memoir of a Snail |
| Produktionsland/-jahr | Australien 2024 |
| Laufzeit | 95 min |
| Genre | Drama, Animation |
| Regie | Adam Elliot |
| Drehbuch | Adam Elliot |
| Kamera | Gerald Thompson |
| Kino | 24. Juli 2025 |
| Home Entertainment | 2. Oktober 2025 |
| Verleih | capelight pictures |

