TITANE | Wild, frei, radikal

TITANE überwältigt, lässt das Atmen aussetzen, begründet seinen eigenen Mythos. Mit dem Gewinn der Goldenen Palme sorgte das Fantasy-Drama in Cannes spektakulär für Aufsehen. Regie-Überfliegerin Julia Ducournau liefert mit ihrem Werk auch Frankreichs Einreichung für den Oscar® 2022.

.INHALT.

Alexia (Agathe Rousselle) trägt seit einem Autounfall in ihrer Kindheit eine Titanplatte im Kopf und hat auch ansonsten ein enges Verhältnis zu nicht-organischen Dingen: Sie ist eine erotische Tänzerin, die bei Autoshows auftritt und irgendwann sogar Sex nicht nur in, sondern mit einem der Vehikel hat. Männer aber leben in ihrer Nähe gefährlich – und nach mehreren männlichen Opfern, die auf Alexias Kappe gehen, muss sie untertauchen. Alexia gibt sich fortan als Mann aus und nimmt die Identität des als Kind verschwundenen Adrien an. Adriens Vater Vincent (Vincent Lindon), der lange nach seinem Sohn gesucht hat, nimmt die verkleidete Alexia also bei sich auf. Doch er wird schnell zu aufdringlich und außerdem kann Alexia bald kaum noch die sichtbaren Zeichen einer Schwangerschaft verbergen…

© Koch Films

.KRITIK.

In Frankreich ist Film eine Kunstform. Gefördert durch Millionen, schaffen es Filmemacher international für einen bleibenden Eindruck zu sorgen. Französische Filme sind kein Klamauk oder setzen sich in einer Endlosschleife mit der eigenen Vergangenheit auseinander. Während es in Deutschland gefühlt nur zwei Kategorien von Film gibt: Komödien und Kriegsverbrechen. Dahingegen blüht in unserem Nachbarland die Industrie. Die Bandbreite reicht von der liebevollen Komödie bis hin zum leidenschaftlichem Drama. Aber auch Science-Fiction oder Action leben. Langeweile kommt nicht auf. Auch ich sehe mir gerne hin und wieder französische Filme an. Sie sind erheiternd, lebensbejahend und ansprechend. Wenngleich auch mal Kitsch und Klischee regieren. Aber das macht nichts, denn es gibt keinen Standard. Inszenieren geht über Studieren – und das lobe ich mir.

Nun blicke ich ganz gespannt auf TITANE. Ein in Cannes mit der Goldenen Palme prämiertes Werk. Der Ruf des Films ist sensationell. Julia Ducournau als Regisseurin gefeiert. Für mich zwei Zutaten, die es braucht. Doch bevor ich mich in dieses kontroverse Horror-Drama stürze, musste ich erstmal mehr über Ducournau in Erfahrung bringen. Wirklich aktiv ist die Dame aus Paris in ihrer bisherigen Karriere nicht gewesen. 2016 lieferte sie mit RAW einen Magenumdreher ab und verschwand im Schatten einer herausragenden Zuschauer- und Kritiker-Resonanz. Das erinnert fast schon an James Cameron, der nach Avatar 2009 ins kreative Exil verschwand, um nun bald mit diversen Fortsetzungen aufzutauchen. Ducournau ist eine erfrischende Filmemacherin, die abgesehen von einer kurzen Serieninszenierung, mit Titane erst ihren zweiten Spielfilm abliefert. Und auch dieser hat es in sich. Obwohl er aufreißend, brutal und lieblich ist, so sieht man rigoros davon ab, nicht mehr hinzusehen. Die Palette an verstörenden Szenen brennen sich dabei ins Auge und erzeugen einen Sog, der den Zuschauer immer weiter in eine irre und kontroverse Story zieht.

108 Minuten erscheint alles wie ein Trip, dabei wirkt alles so klar und deutlich. Komplex, aber gut strukturiert und deutlich. Mit jeder Minute die vergeht, wollen wir mehr. Mehr von Titane, die einen unvorhersehbaren Weg bestreitet und damit das Erlebnis noch gehaltvoller macht. Ducournau setzt auf Konsequenz und holt aus Agathe Rousselle einen Charakter heraus, der auf Papier geschrieben steht, aber in der Umsetzung noch zielstrebiger erscheint. Es ist doch immer wieder erstaunlich, was Filme mit einem machen. Wie schmal der Spagat zwischen Abneigung und Lust ist. Titane ist ein wundervoller Beitrag, der das Kino wieder lebendiger macht. Für mich definitiv ein heißer Anwärter auf den Oscar® 2022.

.FAZIT.

Zwischen kranker Scheiß und cineastischer Offenbarung – und damit mein ich beides mehr als positiv. Titane räumt alles aus dem Weg und sorgt dank beispielloser Radikalität und Brutalität für einen der kontroverstesten Beiträge 2021. Er geht ins Oscar-Rennen für den besten internationalen Filmen und kann sich sehr gute Chancen ausrechnen. Was für ein Film, WOW!



OriginaltitelTitane
Produktionsland/-jahrFrankreich, Belgien 2021
Laufzeit108 min
GenreDrama, Horror, Science-Fiction
RegieJulia Ducournau
DrehbuchJulia Ducournau
KameraRuben Impens
Kinostart7. Oktober 2021
Home Entertainment27. Januar 2022
VerleihKoch Films

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