Justine Triet ist ein raffinierter Gerichtsfilm gelungen, in dem sie geschickt mit den Vorurteilen ihrer Figuren und denen des Publikums spielt. ANATOMIE EINES FALLS – getragen von einer grandiosen Sandra Hüller – ist bereits mehrfach international ausgezeichnet und geht auch bei den Oscars®️ 2024 in mehreren Kategorien ins Rennen.
.INHALT.
Seit fast zwei Jahren leben Sandra (Sandra Hüller), eine deutsche Schriftstellerin, ihr französischer Ehemann Samuel (Samuel Theis) und ihr elfjähriger Sohn Daniel (Milo Machado-Graner) zurückgezogen in einem kleinen Ort in den französischen Alpen. An einem strahlenden Tag wird Samuel am Fuße ihres Chalets tot im Schnee gefunden. War es Mord? Selbstmord? Oder doch nur ein tragischer Unfall? Der Polizei erscheint Samuels plötzlicher Tod verdächtig, und Sandra wird zur Hauptverdächtigen. Es folgt ein aufreibender Indizienprozess, der nach und nach nicht nur die Umstände von Samuels Tod, sondern auch Sandras und Samuels lebhafte Beziehung im Detail seziert.
.KRITIK.
ANATOMIE EINES FALLS ist einer der Geheimfavoriten bei den Oscars®️ 2024. Gleich in mehreren Kategorien kann sich Justine Triet und ihr Film große Chancen auf einen Goldjungen ausrechnen. Allen voran Sandra Hüller ist spätestens mit diesem mitreißenden Gerichtsdrama auch international ganz oben angekommen. Hollywood hat die deutsche Schauspielerin fest ins Auge gefasst. Da grenzt ihre Darbietung in Fack ju Göhte 3 fast schon als eigene Majestätsbeleidigung. Doch jeder macht mal einen Schritt zurück, aber Sandra Hüller hat dafür viele weitere nach vorne gemacht. Toni Erdmann, Ich bin dein Mensch oder Sisi & Ich bilden die Speerspitze einer beeindruckenden Karriere, die jüngst einen gewaltigen Boost erlebt. Kann sich nun Sandra Hüller diesen Aufstieg als einer der größten, deutschen Charakterdarstellerinnen mit einem Oscar selbst versüßen? Zu wünschen wäre es ihr. Doch gehen wir einmal auf den Film ein, über den fast alle sprechen.
Anatomie eines Falls ist Justine Triets erst dritter Kinospielfilm. Bereits Sibyl – Therapie zwecklos hat international für großes Aufsehen gesorgt und markiert zugleich auch die erste Zusammenarbeit von Triets und Hüller. Triets feinfühlige und emotionale Ader für die Geschichte und ihre Figuren hat weltweit seine Fans. So verwundert es nicht, dass Triets neuster Film für so viel Furore sorgt und bereits mit zwei Golden Globes und der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichnet wurde.
Die Schönheit des Films liegt darin, wie er durchgehend exzellent inszeniert ist. Selbst wenn er die Form eines Gerichtsdramas annimmt, das sich durch genaue Detailarbeit auszeichnet, ruht er doch fest auf der emotionalen Bindung zwischen den Hauptfiguren – in diesem Fall einer Mutter, ihrem Sohn und ihrem Mann. Dies rückt nie in den Hintergrund, obwohl der Film an mehreren Stellen zu einem Mordmysterium wird. Die Darbietungen hier haben mir absolut gefallen, sei es Sandra Hüller, Swann Arlaud, Milo Machado-Graner oder Samuel Theis. Wenn das Drehbuch tief in die Feinheiten einer Ehe eindringt, ist es ergreifend, nachvollziehbar und schlagkräftig. Sowohl der Ehemann als auch die Ehefrau sind im Wesentlichen Schriftsteller, was ihre Kämpfe und kleinen Siege noch zugänglicher macht. Die sich ändernden Dynamiken in ihrer Beziehung werden durch hervorragend gedrehte Rückblenden beleuchtet (genau wie ihre Tonaufnahmen, die vor Gericht abgespielt werden), und wir als Zuschauer verstehen, was sowohl Sandra als auch Samuel durchgemacht haben.
Doch es sind eben nicht nur die großen Schaumomente, die mir eine Gänsehaut bereitet haben. Auch die „kleineren“ Momente – wie eine Szene, die Sandra und ihren Anwalt zeigt, wie sie zusammen trinken – sind wunderschön inszeniert und zeigen, wie verliebt und feinfühlig Triet ihr Handwerk auslebt. Technisch sticht Anatomie eines Falls nicht hervor, aber er erfüllt seinen Zweck für die Themen und die Geschichte.
.FAZIT.
Ein kraftvoller Film, der an die Substanz geht. Es gibt so viele Dinge, die ich nach dem Anschauen aus diesem Film mitgenommen habe. So viele subtile Kleinigkeiten werfen Schatten über beide Charaktere und zeigen so komplexe Menschen mit Fehlern und Tugenden, die man in vergleichbaren Filmen eher selten sieht. Triet hat hier 150-minütiges Meisterwerk geschaffen, sicherlich nicht für jeden gemacht ist. Man braucht Geduld und Aufmerksamkeit, wenn man dem Geschehen folgt, schließlich sind auch wir (der Zuschauer) im Gerichtssaal und versuchen, Schuld oder Unschuld zu beweisen. Anatomie eines Falls ist spannend bis zur letzten Sekunde und hat in meinen Augen absolut die höchste Filmauszeichnung der Branche mehr als verdient. Daumen sind gedrückt!
| Originaltitel | Anatomie d’une chute / Anatomy of a Fall |
| Produktionsland/-jahr | Frankreich 2023 |
| Laufzeit | 151 min |
| Genre | Drama, Krimi, Thriller |
| Regie | Justine Triet |
| Drehbuch | Justine Triet, Arthur Harari |
| Kamera | Simon Beaufils |
| Kino | 2. November 2023 |
| Home Entertainment | 29. Februar 2024 |
| Verleih | PLAION PICTURES |

