Tiere lieben und Tiere töten, wie passt das zusammen? Dieser Fragestellung geht Regisseur David Spaeth mit WIR UND DAS TIER auf den Grund. Dabei lässt der Film seine Akteure selbst sprechen, spart sich den erhobenen Zeigefinger oder ein Übermaß an schockierenden Darstellungen, und regt gerade so zum Nachdenken über ein existentielles Thema an.
.INHALT.
Der moderne Mensch hat sich immer weiter vom Schlachtprozess entfernt – denn am Anfang steht dabei immer der Tod eines Tieres. Doch was bedeutet ein solcher Akt für die schlachtenden Menschen und welche Lehren können wir daraus ziehen? WIR UND DAS TIER zeigt, wie vielschichtig das Verhältnis zwischen Menschen und Schlachttier sein kann. So vermittelt der langjährige Schlachtermeister Jürgen seinen Lehrlingen Haltung im Umgang mit dem Tier. Zwei Freundinnen verlassen ihre Komfortzone und besuchen einen Schlachtkurs. Und während in Norwegen Wissenschaftler*innen an einem modernen Schlachtroboter forschen, tötet Ionel in einem Schlachthof Tiere am Fließband.
.KRITIK.
Heikel, heikel! Ich habe etwas überlegt, ob und wie ich an diesen Dokumentarfilm gehe. Wir und das Tier geht der Fragestellung nach, wie wir gleichzeitig Tiere lieben und töten können. Grimme-Preisträger David Spaeth geht dabei zum Anfang, begleitet Mensch und Tier – ohne Fingerzeig – und versucht das Dilemma auf neutrale Weise zu erklären. Was ihm durchaus sehr gut gelingt, aber dazu später mehr.
Ich habe mich dann nach einer kurzen Bedenkzeit dafür entschieden, dieser Doku eine Chance zu geben, weil ich jemand bin, der beide Seiten versteht. Ich esse Fleisch, kann aber auch auf selbiges verzichten. Ich habe auch schon vegan und vegetarisch gelebt. Mein Leben ein Mix aus allem. Und wobei der Film durchaus Recht hat: wir haben so ein wenig die Tatsache verdrängt, dass für ein saftiges Steak eben auch ein Rind sterben muss. Der Schlachtprozess schwirrt in unseren Hinterköpfen, doch im Supermarkt kommt das nicht wirklich an. Es ist durchaus interessant, diesen Prozess wieder in Erinnerung zu rufen und sich daraufhin seine ganz eigenen Gedanken zu machen. Solche Dokumentationen neigen gerne dazu, durchaus den Finger auf unsere Lebensweise zu richten und diese dann kritisch zu hinterfragen. Doch David Spaeths Absichten sind das jedoch nicht. Zum einen spricht er mit Menschen, die jeden Tag im Schlachtprozess involviert sind. Dabei blickt er nicht nur hinter die eigentlichen Kulissen, sondern wirft auch einen tiefen Blick in die Menschen, die Pros und Contras an ihrer Arbeit finden und selbst reflektieren. Das empfand ich als extrem spannend, denn die Gratwanderung zwischen Ethik und Moral beschäftigt dabei durchaus auch den Metzger, der sich selbst fragt, ob das, was er hier jeden Tag aufs Neue tut, richtig oder falsch ist.
Ja, Speath lässt die Protagonisten sprechen. Ein junger Auszubildender, ein erfahrener Fleischermeister, zwei Frauen, die einen Schlachtkurs belegen – die Hauptfiguren des Films sprechen über ihre Handlungen, weit entfernt von Klischees, auf erstaunlich offene und reflektierende Weise. Was anfangs makaber erscheinen mag, wird gleichzeitig in aller Ehrlichkeit und Intensität gezeigt und dreht sich um grundlegende Fragen. Auch ob Roboter in Zukunft das Töten ohne Menschen durchführen können. Die Protagonisten des Films verhandeln das gesamte Dilemma des Fleischkonsums stellvertretend für uns. Ein durchaus interessanter Weg…
…doch gehört auch ein „ABER“ dazu. Für mich bleibt der Blick oft zu eintönig. Für mich klang es auch stellenweise so, als würde man über die Opfer, die die Menschen hier bringen, sprechen. Da kann ich auch jene Kritik von Zuschauern mehr als verstehen. Für mich ist es wichtig: Jedem das Seine. Wir sind alle alt genug, um selbst zu hinterfragen und zu entscheiden. Der Prozess des Schlachtens gehört nun mal dazu und sollte durchaus wieder mehr ins Bewusstsein gerufen werden. Doch mit der Brechstange oder mit Verbositäten hier einen Ansatz zu finden, bringt eben nichts. Wir und das Tier macht da vieles, aber nicht alles richtig.
.FAZIT.
Tiere lieben und gleichzeitig ihr Fleisch essen, den Tod ignorieren, aber Salami genießen – wie passt das zusammen? Fleischessende Menschen haben es geschafft, die Tatsache zu unterdrücken, dass sie Tiere essen, die zuerst getötet werden müssen (ich gehöre durchaus auch dazu). Die tiefgründige Dokumentation des Grimme-Preisträgers David Spaeth richtet sich an diejenigen, die am Anfang der Kette stehen und sich dieser Tatsache stellen. Ehrlich, offen, direkt – ohne dabei mit dem Finger auf uns zu zeigen. Wir und das Tier schafft ein wichtiges und notwendiges Bewusstsein für den Prozess und das damit verbundene Dilemma. Was man schließlich mit dem Wissen macht, bleibt jedem selbst überlassen. Jedem das Seine!
| Originaltitel | Wir und das Tier |
| Produktionsland/-jahr | Deutschland 2023 |
| Laufzeit | 85 min |
| Genre | Dokumentation |
| Regie | David Spaeth |
| Drehbuch | David Spaeth |
| Kamera | Sebastian Bäumler |
| Kino | 2. November 2023 |
| Home Entertainment | 4. April 2024 |
| Verleih | Tiberius Film |

