Regisseur Gints Zilbalodis lässt uns in dieser großartigen Geschichte sanft in wunderschönen Tier- und Wasserwelten treiben. Obwohl FLOW auf eine ausschweifende Vermenschlichung seiner Protagonisten verzichtet, begegnen uns die tierischen Abenteurer ungemein beseelt. Sie vermitteln über Miauen, Grunzen und Bellen mehr Emotionen, als sie es mit Hilfe prominenter Synchronstimmen jemals könnten.
.INHALT.
Kaum hat sich die kleine schwarze Katze den Schlaf aus den Augen gerieben, muss sie erschrocken feststellen, dass eine gewaltige Flut die alte Welt unter sich begräbt. Gerade noch so rettet sie sich auf ein Segelboot, wo nach und nach auch ein diebisches Äffchen, ein gutmütiger Labrador, ein schläfriges Wasserschwein und ein stolzer Sekretärvogel Zuflucht finden. Schon bald wird klar: Ihre Verschiedenheit ist ihre Stärke und gemeinsam stellen sie sich den Herausforderungen der neuen Welt.
.KRITIK.
Kein einziges Wort. Nur die Kraft der Bilder und Musik. FLOW ist beispielloses Kino, dass berührt, unterhält und grenzenlos begeistert.
Schon in den ersten Minuten spürt man: Hier geht es nicht um Handlung im klassischen Sinne, sondern ums Erleben. Die kleine schwarze Katze, schlaftrunken, streckt sich auf einem Fensterbrett – nur um kurz darauf in eine Welt zu stolpern, die wortwörtlich untergeht. Die Kamera, beinahe geisterhaft schwebend, begleitet sie durch überflutete Ruinen, menschenleere Landschaften und plötzlich: Stille. Nur das leise Rauschen der Wellen, das Knarzen des Holzes, das Atmen. Nichts wirkt überdramatisiert – und genau das macht es so intensiv.
Ich war überrascht, wie schnell ich mich auf die „Sprache“ der Tiere einlassen konnte. Keine menschlichen Stimmen, kein Erzähler. Und doch war jede Bewegung, jede Geste, jeder Blick verständlich. Als das diebische Äffchen zum ersten Mal an Bord auftaucht, spürt man sofort seine freche Energie. Der gutmütige Labrador bringt eine Ruhe hinein, während das schläfrige Wasserschwein mit seiner stoischen Gemütlichkeit einen fast zum Lächeln bringt. Und dann der stolze Sekretärvogel – halb Beobachter, halb Mitreisender, der sich immer ein kleines bisschen über die Gruppe zu erheben scheint.
Es ist fast wie ein Tanz: Jede Figur bringt etwas Eigenes mit, und je weiter die Reise geht, desto mehr verschmilzt diese Verschiedenheit zu einem echten Miteinander. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich mitfieberte, wenn sie ein Hindernis überwanden, oder regelrecht erleichtert aufatmete, wenn sich einer von ihnen nach einem Streit wieder der Gruppe anschloss.
Visuell ist der Film ein Traum. Kein Hochglanz, sondern weiche, beinahe pastellige CGI, die wie mit Aquarellfarben getupft wirkt. Lichtreflexe auf Wasserflächen, Schatten, die durch Pflanzen tanzen – alles fühlt sich handgemacht an. Nicht perfekt, aber genau deshalb so ehrlich. Und diese langen, schwebenden Kamerafahrten! Immer wieder dachte ich: „Wow, das sieht aus wie ein Gemälde, das sich bewegt.“
Was mich am meisten bewegt hat, ist vielleicht das, was der Film nicht sagt. Flow ist keine Umwelt-Dystopie mit erhobenem Zeigefinger, aber man spürt trotzdem: Diese Welt hat ihre Geschichte. Etwas ist zu Ende gegangen – und ausgerechnet die Tiere, die am wenigsten Kontrolle über die Umstände haben, müssen jetzt damit klarkommen. Und das tun sie, auf ihre stille, behutsame Weise. Vielleicht ist es das, was der Film zeigen will: Dass Miteinander, Vertrauen und Geduld auch dann noch möglich sind, wenn alles andere untergegangen ist.



.FAZIT.
Dass ein so kleiner, unabhängiger Film – realisiert mit Open-Source-Tools – so etwas Großes erzählen kann, ist fast schon ein Wunder. Und dass er den Oscar gewonnen hat, ist nicht nur verdient, sondern fast symbolisch: Flow zeigt, was Kino im besten Fall sein kann – leise, mutig, schön.
| Originaltitel | Flow |
| Produktionsland/-jahr | Lettland, Frankreich, Belgien 2024 |
| Laufzeit | 84 min |
| Genre | Animation, Abenteuer, Fantasy |
| Regie | Gints Zilbalodis |
| Drehbuch | Gints Zilbalodis, Matiss Kaza, Ron Dyens |
| Musik | Gints Zilbalodis, Rihards Zaļupe |
| Kino | 6. März 2025 |
| Home Entertainment | 17. Juli 2025 |
| Verleih | MFA |

