V/H/S/BEYOND | Die verschwommene Wahrheit hinter dem Videorauschen

Found Footage ist mehr als verwackelte Bilder und billige Effekte – es ist der Blick durch ein Schlüsselloch in eine Realität, die wir lieber nicht sehen sollten. Seit Jahren liefert die V/H/S-Reihe genau das: rohe, ungeschönte Albträume, eingefangen auf analogem Material, das jede Sekunde zu platzen scheint. Mit dem neuesten Kapitel V/H/S/BEYOND wird dieses Versprechen erneut eingelöst – lauter, wilder und noch unberechenbarer.

.INHALT.

Diese Tapes entfesseln den ultimativen SciFi-Horror! Spezialkräfte der Polizei auf der Suche nach verschwundenen Babys erleben Schrecken jenseits der Vorstellungskraft. Zwei Paparazzi bezahlen teuer für das Einbrechen in das Anwesen eines Stars. Ein Flugzeug mit Fallschirmspringern kollidiert mit einem UFO. Und Verschwörungstheorien über mysteriöse Lichter in der Wüste sind zu nah an der Wahrheit dran.

©️ Tiberius Film

.KRITIK.

Diejenigen, die mich schon eine Weile verfolgen, wissen, wie sehr ich das Subgenre Found-Footage liebe und schätze. Das Spiel mit der Wahrheit, die Offenlegung von Mythen oder der Umgang mit urbanen Legenden hat mich schon immer fasziniert. So sehr, dass ich mich 2013 im Rahmen meiner Bachelorarbeit wissenschaftlich und cineastisch mit „Found Footage“ beschäftigt habe. Mit überraschenden Wendepunkten und der Tatsache, dass hier mitunter doch mehr Wahrheit dahinter steckt als man denkt.

Mit V/H/S/BEYOND gibt es für Fans auch gleich schönen Nachschub. Wer den rohen Nervenkitzel sucht, jenseits von sauberem Studiohorror, wird früher oder später bei V/H/S/Beyond landen. Seit über zehn Jahren hat sich die Reihe den Ruf einer wahren Spielwiese für kreative, chaotische und kompromisslose Horrorgeschichten erarbeitet – erzählt im verwackelten, körnigen Stil alter Videoaufzeichnungen. Die Filme funktionieren wie ein bewusst verzerrter Blick in eine andere Realität: mal verstörend, mal absurd, oft blutig, immer intensiv – und ab und zu auch unfreiwillig komisch.

Mit V/H/S/Beyond geht das Franchise nun einen Schritt weiter – nicht nur optisch, sondern auch erzählerisch. Die Geschichten wirken ambitionierter, die Handschrift der Filmemacher präziser. Obwohl die Reihe immer schon ein Sammelbecken verschiedener Stimmen war, fühlt sich V/H/S/Beyond überraschend rund an. Es ist spürbar, dass hier nicht nur Schockeffekte aneinandergereiht werden, sondern dass eine inhaltliche Klammer existiert: die Konfrontation mit dem Unfassbaren (Grüße an Jonathan Frakes gehen raus), dem Übernatürlichen, dem Nicht-Menschlichen – ohne sich in einem einzigen Thema festzubeißen.

Was die Stärke dieses Films ausmacht, ist sein ungebändigter Gestaltungswille. V/H/S/Beyond ist mutig, weil es sich traut, trashige Ideen mit künstlerischem Ernst zu verarbeiten. Die Found-Footage-Ästhetik wird nicht als Gag genutzt, sondern als genuine Erzählform verstanden. Man fühlt sich nicht wie im Kino, sondern wie ein zufälliger Zeuge von Dingen, die eigentlich nie für fremde Augen bestimmt waren. Dieser Voyeurismus ist nicht nur ein stilistischer Kniff – er erzeugt ein ungutes Gefühl von Nähe, das gerade Genrefans so sehr schätzen. Hier wirken Bilder nicht poliert oder kalkuliert, sondern gefährlich.

Die Regiehandschriften in V/H/S/Beyond stechen hervor. Man merkt, dass sich das Franchise weiterentwickelt hat: Die Beiträge sind technisch ausgereifter, die Bildgestaltung detailverliebter, der Ton aggressiver. Dennoch bleibt das Herz der Reihe erhalten – dieser experimentelle Geist, der nie ganz weiß, wohin die Reise führt. Es ist gerade diese Mischung aus Professionalität und Anarchie, die V/H/S/Beyond auf eine neue Stufe hebt.

Natürlich ist nicht alles geglückt. Wie in allen Anthologien gibt es auch hier Beiträge, die schwächer wirken – weniger inspiriert, zu langatmig oder tonal unausgeglichen. Manche Segmente verlieren sich in Stilübungen, ohne dabei die Wucht zu entfalten, die andere so eindrucksvoll tragen. Die emotionale Fallhöhe variiert stark: Während einige Geschichten unter die Haut gehen, rauschen andere eher wirkungslos an einem vorbei. Das ist zwar typisch für das V/H/S-Franchise, aber dennoch auffällig.

Ein weiteres Problem liegt im Rahmen, der die Episoden zusammenhält. Dieser sogenannte „Wraparound“ wirkt diesmal erstaunlich glatt – fast zu sauber für das sonst so dreckige und brutale Universum der Reihe. Statt einer verstörenden Atmosphäre bringt er eher Leerlauf mit sich und unterbricht den Rhythmus. Man merkt, dass hier etwas versucht wurde, das sich nicht vollständig mit dem Rest verbindet. Diese Brüche können Zuschauer aus dem Flow reißen, der bei Anthologien ohnehin schwer zu halten ist.

.FAZIT.

Trotzdem gelingt es V/H/S/Beyond, das Erbe der Reihe nicht nur zu wahren, sondern spürbar zu verjüngen. Die Anthologie ist weniger ein nostalgischer Rückblick auf die VHS-Kultur, sondern vielmehr ein Signal: „Found Footage“ ist nicht tot, es atmet, schreit – und es hat neue Ideen. Gerade in einer Zeit, in der Genrefilme oft formelhaft wirken, ist das eine willkommene Explosion aus Wut, Witz und Wahnsinn.



OriginaltitelV/H/S/Beyond
Produktionsland/-jahrUSA 2024
Laufzeit114 min
GenreHorror, Science-Fiction, Thriller
RegieJay Cheel, Jordan Downey, Christian Long, Justin Long, Justin Martinez, Virat Pal, Kate Siegel
DrehbuchEvan Dickson, Jay Cheel, Jordan Downey, Mike Flanagan, Christian Long, Justin Long, Justin Martinez, Virat Pal, Kate Siegel, Kevin Stewart, Benjamin A. Turner
KameraTapan Basu, Alexander Chinnici, Daniel Marks, Mike McLaughlin, Kevin Stewart
Kino
Home Entertainment7. August 2025
VerleihTiberius Film

Kommentar verfassen