In einem unscheinbaren Studio am Rand von Los Angeles kratzt Jeremy Allen White über die Saiten einer abgewetzten Gitarre. Sechs Tage die Woche, vier Stunden am Stück. Kein Kamerateam, kein roter Teppich – nur Schweiß, Rhythmus und das Gefühl, dass es diesmal um mehr geht als um eine Rolle. „Ich wollte nicht Bruce imitieren“, sagte White in einem Interview mit CBS. „Ich wollte verstehen, warum er überhaupt spielt.„
Mit SPRINGSTEEN: DELIVER ME FROM NOWHERE wagt der 34-Jährige erneut den Sprung auf die große Leinwand – und damit in eine der ikonischsten Figuren der amerikanischen Musikgeschichte. Der Film, basierend auf Warren Zanes‘ Buch über die Entstehung von Nebraska (1982), zeigt Bruce Springsteen in einer stillen, düsteren Phase: Allein in einem Haus in New Jersey, ringend mit sich selbst, seiner Kunst, seinen Dämonen. Es ist eine Geschichte über das Innere eines Künstlers – und damit wie gemacht für Jeremy Allen White.
.DER JUNGE AUS BROOKLYN, NEW YORK.
Jeremy Allen White, geboren 1991 in Brooklyn, New York, war lange der, den man kannte, ohne ihn richtig zu kennen. Zehn Jahre spielte er in der Serie Shameless den hochbegabten, aber selbstzerstörerischen Lip Gallagher – eine Figur, die ihm eine treue Fanbasis einbrachte, aber auch das Etikett des ewigen Serienjunkies. Dann kam The Bear. Als Carmen „Carmy“ Berzatto, der von Ehrgeiz getriebene Küchenchef, wurde White über Nacht zum Gesicht einer Generation, die zwischen Burnout, Perfektionismus und dem Wunsch nach Echtheit pendelt.
Seine Darstellung brachte ihm Golden Globe, Emmy und einen Kultstatus ein, der selten in der TV-Welt entsteht. Und doch: „Man hatte das Gefühl, dass Jeremy Allen White mehr kann als Serienrealismus“, schrieb das Branchenblatt Variety – und das war wohl auch sein eigener Gedanke.

.DER WEG ZUM „BOSS“.
Als Regisseur Scott Cooper (Crazy Heart, Hostiles) White die Hauptrolle in SPRINGSTEEN: DELIVER ME FROM NOWHERE anbot, war schnell klar: Das ist kein Biopic. Kein Glitzer. Keine Stadionlichter. Es ist ein Charakterfilm über Stille, Selbstzweifel und künstlerische Wahrhaftigkeit. White nahm die Herausforderung ernst. Er lernte Gitarre spielen – „vier bis sechs Mal pro Woche“, wie er lachend im CBS-Interview weiter erzählte – und verbrachte Wochen damit, Springsteens Stimme zu studieren. Springsteen selbst schenkte ihm eine Gibson J-200, um „die Energie des Instruments“ zu spüren.
„Jeremy ist kein Nachahmer“, sagt Cooper. „Er hat sich Springsteen nicht angezogen wie ein Kostüm, er hat ihn von innen heraus verstanden.“ Kritiker lobten seine Darstellung als „überraschend zurückgenommen, fast meditativ“. NME schrieb: „Er kopiert nicht den Boss – er trifft seine Seele.“
In einer Zeit, in der viele Schauspieler auf maximale Wirkung setzen, arbeitet White leise, präzise, fast handwerklich. Genau wie Springsteen.

.DIE PARALLELEN.
Was White als Carmy in The Bear und als Bruce Springsteen in Springsteen: Deliver Me from Nowhere verbindet, ist mehr als bloße Intensität. Beide Männer sind Perfektionisten, die ihre Arbeit als Überlebensstrategie begreifen. Beide kämpfen mit der Frage, was von ihnen bleibt, wenn die Leidenschaft versiegt. White hat in Interviews oft gesagt, dass er Figuren anzieht, „die Dinge aufbrechen wollen, aber nicht wissen wie“. Vielleicht ist das sein eigener roter Faden – vom Küchenchaos in Chicago bis zu den einsamen Demos in New Jersey.
„Ich liebe Charaktere, die feststecken“, sagte er kürzlich in einem Interview mit der Los Angeles Times. „Die wissen, dass sie mehr sein könnten, aber noch nicht den Mut haben, es zuzulassen.“ Genau das ist auch der Kern von Nebraska – Springsteens Album voller stiller, schmerzhafter Wahrheiten.

.VOM SERIEN- ZUM FILMGESICHT.
Mit Sprigsteen: Deliver Me from Nowhere hat Jeremy Allen White den nächsten Schritt gemacht – nicht, weil er plötzlich im Kino statt im Streaming zu sehen ist, sondern weil er sich als ernstzunehmender Charakterdarsteller etabliert. Er spielt keinen Star, sondern einen Menschen, der an sich zweifelt. Und das macht ihn – paradoxerweise – größer denn je.
Nach dem Erfolg von The Iron Claw (2023) und dem wohl ebenfalls erfolgreichen Springsteen: Deliver Me from Nowhere steht White an einem Punkt, den viele Schauspieler nie erreichen: Er ist sowohl Mainstream-Ikone als auch Kritikerliebling. Vielleicht ist das der eigentliche Kreis, den dieser Film schließt: Ein Schauspieler, der aus der TV-Küche in die amerikanische Seele wandert – und dort jemanden findet, der ihm gar nicht so unähnlich ist.

.FAZIT – „ER SPIELT, ALS WÜRDE ER ZUHÖREN“.
Bruce Springsteen selbst soll – laut The Guardian – nach einer frühen Vorführung gesagt haben: „Er spielt, als würde er zuhören.“ Ein größeres Kompliment kann man einem Schauspieler kaum machen. Jeremy Allen White hat aus einer Figur eine Haltung gemacht – und aus einer Karriere einen Weg. Er begann als Serien-Liebling. Jetzt ist er etwas anderes geworden: ein Künstler, der das Rauschen um sich herum einfach weglässt – und genau hinhört.

| Originaltitel | Springsteen: Deliver Me from Nowhere |
| Produktionsland/-jahr | USA 2025 |
| Laufzeit | 120 min |
| Genre | Biografie, Drama, Musik |
| Regie | Scott Cooper |
| Drehbuch | Scott Cooper, Warren Zanes (Buch) |
| Kamera | Masanobu Takayanagi |
| Kino | 23. Oktober 2025 |
| Home Entertainment | – |
| Verleih | 20th Century Studios |