Mit Michael Endes MOMO sind viele von uns in den 70er und 80er Jahren aufgewachsen. Der Stoff hat sich tief eingebrannt und hat damals viele Fragen aufgeworfen. 1986 wurde der Roman verfilmt und dieser war eigenwillig, warm, manchmal sperrig – aber er hatte Herz, Atmosphäre und eine fast schon unheimliche Treue zu Endes Zeitphilosophie. Die Neuauflage von 2025 versucht, diese Magie in die Gegenwart zu holen. Das gelingt ihr stellenweise erstaunlich gut, doch nicht ohne Reibung.
.INHALT.
Momo (Alexa Goodall), ein außergewöhnliches Waisenmädchen, lebt in den Ruinen eines alten Amphitheaters und hat ein besonderes Talent: Sie hört zu. Doch als ein mächtiger Konzern beginnt, den Menschen ihre Zeit zu stehlen, verändert sich alles. Plötzlich hat niemand mehr Zeit, nicht einmal ihr bester Freund Gino (Araloyin Oshunremi). Verzweifelt begibt sich Momo auf eine magische Reise, geführt von einer rätselhaften Schildkröte und begleitet von Meister Hora (Martin Freeman), dem geheimnisvollen Hüter der Zeit.
.KRITIK.
Christian Ditters MOMO setzt stärker auf märchenhafte Bildwelten und eine klarere Dramaturgie. Das macht den Film zugänglicher für ein junges Publikum, das mit Endes entschleunigter Erzählweise vielleicht weniger anfangen kann. Die Beziehung zwischen Momo und Gino ist warmherzig, und Meister Hora bekommt eine visuelle Präsenz, die näher am Buch liegt als in der 80er-Version.
Für mich besonders gelungen: die Schildkröte Kassiopeia, die hier nicht nur charmant animiert ist, sondern auch erzählerisch viel stärker in den Vordergrund rückt. Generell profitiert die Neuverfilmung oder Neuinterpretation vom technischen Fortschritt. Wenngleich diese Rustikalität und Tristesse 1986 seinen Reiz hatte und dieses spezielle beklemmende Gefühl erzeugte, ist das 2025er Momo sauberer und bildgewaltiger, was natürlich der kleineren Zielgruppe mehr Zugang ermöglicht.
Dennoch hat mir etwas gefehlt. Auch wenn ich mich in diesem Punkt wiederhole, aber wer das Original kennt, wird die neue Version als deutlich glatter empfinden. Die 80er-Verfilmung hatte Ecken und Kanten, eine gewisse Melancholie, die Endes Kritik am modernen Zeitdruck spürbar machte. 2025 wirkt dagegen oft wie ein Fantasy-Abenteuer mit moralischem Unterbau – hübsch, aber weniger tief. Die „Grauen Herren“ sind spürbar, aber dramaturgisch weniger bedrohlich. Und die emotionale Wucht, die das Buch an seinen stärksten Stellen auf uns loslässt, erreicht der Film nur bedingt.
Endes Roman bleibt ungeschlagen, was philosophische Tiefe und poetische Sprache betrifft. Die neue Verfilmung bemüht sich, diese Themen kindgerecht zu übersetzen, verliert dabei aber etwas von der existenziellen Schwere, die das Buch so zeitlos macht. Immerhin: Die Idee der gestohlenen Zeit wird moderner interpretiert – weniger Bürokratie, mehr Konzernkritik. Das ist zeitgemäß, aber auch weniger subtil. Und dann stellt sich am Ende des Tages die Frage: hat man diesen Film gebraucht? Bietet er einen Mehrwert gegenüber der Erstverfilmung?
Beide haben ihre Für und Wider. Beide nehmen auf ihre Weise das Buch auf und Visualisieren dessen Inhalt. Somit ergänzen sie aneinander, bleiben aber für mich dennoch – und das aus dem Mund eines Filmliebhabers – hinter dem Geist des Buches, wobei mir die 1980er-Version ein Tick besser gefällt.



.FAZIT.
MOMO ist ein liebevoll gemachtes, visuell ansprechendes Märchen, das den Geist der Vorlage respektiert, aber nicht ganz einfangen kann. Für Kinder ein schönes Abenteuer, für Erwachsene ein nostalgischer Ausflug mit gewissen Abstrichen.
| Originaltitel | Momo |
| Produktionsland/-jahr | Deutschland 2025 |
| Laufzeit | 91 min |
| Genre | Fantasy, Familie |
| Regie | Christian Ditter |
| Drehbuch | Christian Ditter, Michael Ende (Buch) |
| Musik | Christian Rein |
| Kino | 2. Oktober 2025 |
| Home Entertainment | 20. Februar 2026 |
| Verleih | LEONINE Studios |

