PRESENCE | Was sieht eigentlich ein Geist?

Was wäre, wenn ein Spukhaus seine Geschichte nicht aus der Sicht der Bewohner erzählen würde, sondern aus der Perspektive des Geistes selbst? Steven Soderbergh macht aus dieser ungewöhnlichen Idee ein kleines filmisches Experiment namens PRESENCE, das deutlich weniger daran interessiert ist, sein Publikum permanent zu erschrecken, als es zum Beobachter einer zerfallenden Familie zu machen.

.INHALT.

Schon bevor die Familie einzieht, ist es da. Es beobachtet ihre intimsten und unangenehmsten Momente, bewegt sich mit übernatürlicher Geschwindigkeit durch das neue Haus und schenkt der Teenagerin Chloe (Callina Liang), die den Tod einer guten Freundin verarbeiten muss, besonders viel Aufmerksamkeit. Doch die geheimnisvolle Präsenz ist nicht bloß stummer Zeuge: Sie verfolgt ihr eigenes Ziel – und weiß es auch zu erreichen …

©️ capelight pictures

.KRITIK.

Die Kamera gleitet durch ein leerstehendes Haus, bewegt sich durch die Räume und bleibt schließlich bei einer Familie, die dort ein neues Zuhause sucht. Doch die Paynes sind längst nicht so harmonisch, wie sie nach außen wirken. Mutter Rebekah ist vor allem mit ihrer Karriere beschäftigt, Vater Chris versucht die Familie zusammenzuhalten und Tochter Chloe kämpft mit dem Verlust ihrer besten Freundin. Und irgendwo zwischen ihnen befindet sich etwas, das sie beobachtet.

Das Besondere an PRESENCE: Wir sehen die komplette Geschichte aus der Perspektive dieser unsichtbaren Präsenz. Soderbergh macht die Kamera damit selbst zum Protagonisten. Sie schwebt durch die Räume, beobachtet Gespräche und reagiert auf das Geschehen. Dadurch entsteht eine permanente Nähe, ohne dass man jemals wirklich weiß, wer oder was da eigentlich zusieht.

Das funktioniert erstaunlich gut. Soderbergh verzichtet weitgehend auf hektische Schnitte und klassische Schockeffekte und lässt stattdessen lange Einstellungen ihre Wirkung entfalten. Die Kamera wird dabei nicht einfach zum Gimmick, sondern vermittelt tatsächlich ein Gefühl dafür, dass hier jemand im Haus anwesend ist. Besonders stark ist der Film immer dann, wenn man nur beobachtet und darauf wartet, dass irgendetwas passiert.

Allerdings ist Presence dadurch auch deutlich weniger gruselig, als der Begriff Horrorfilm zunächst vermuten lässt. Der eigentliche Schrecken entsteht weniger durch das Übernatürliche als durch die Menschen im Haus. Die familiären Spannungen, Trauer, Schuld und Geheimnisse stehen zunehmend im Mittelpunkt. Da würde ich mich den allgemeinen Kritiken anschließen und den Film eher als Familiendrama mit Geisterperspektive beschreiben.

Und genau hier wird es gleichzeitig etwas holprig. Während die ungewöhnliche Inszenierung bis zum Ende fasziniert, sind einige Figuren und Konflikte deutlich weniger interessant. Manche Entwicklungen wirken arg konstruiert, und auch die zentrale Perspektive verliert nach einer Weile etwas von ihrem anfänglichen Reiz.

Für mich überwiegen trotzdem die Stärken, denn der Film setzt durchaus neue Maßstäbe im Haunted-House-Genre. Presence ist kein Film, der mit möglichst vielen Geistererscheinungen um Aufmerksamkeit buhlt. Er vertraut auf seine Inszenierung, seine Darsteller und die Frage, was genau wir eigentlich beobachten. Und Soderbergh zeigt einmal mehr, dass er auch nach Jahrzehnten noch Spaß daran hat, sich selbst formale Regeln aufzuerlegen.

Das Ergebnis ist kein klassischer Horrorfilm, sondern ein ungewöhnliches kleines Geisterdrama, das gerade durch seine Zurückhaltung funktioniert. Nicht immer rund, aber definitiv interessanter als der nächste austauschbare Haunted-House-Schocker.

.FAZIT.

Presence ist Steven Soderberghs kleines Horror-Experiment, das seine stärksten Momente nicht durch Schocks, sondern durch Perspektive und Atmosphäre erzeugt. Die Kamera wird zum unsichtbaren Beobachter und macht aus einer eigentlich vertrauten Geistergeschichte etwas Eigenständiges. Wer klassischen Horror mit vielen Jump-Scares erwartet, dürfte enttäuscht werden. Wer sich dagegen auf ein ungewöhnliches Familiendrama mit übernatürlicher Perspektive einlässt, bekommt einen clever inszenierten und angenehm eigenwilligen Film.



OriginaltitelPresence
Produktionsland/-jahrUSA 2024
Laufzeit84 min
GenreDrama, Horror, Thriller
RegieSteven Soderbergh
Drehbuch/KonzeptDavid Koepp
KameraPeter Andrews
Kino–
Home Entertainment/Streaming8. Oktober 2026
Verleih/Vertriebcapelight pictures

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