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I AM MOTHER | Mutterliebe mit System

Gemacht für Netflix, auf der großen Leinwand aber zuhause. Grant Sputores eindrucksvoller Beitrag zu einem nicht immer leicht zu verstehenden Genre. Sci-Fi-Stoffe wirksam ins Kino zu bringen und da auch für Erfolg zu sorgen, ist im Zeitalter der verwöhnten Augen schwierig. Es braucht viel Geschick und Einfallsreichtum, um sich Aufmerksamkeit zu verschaffen. I AM MOTHER bringt dafür alles mit und ist dennoch wenig aufdringlich.

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© Concorde Filmverleih

Inhalt

Ein Teenager-Mädchen, genannt „Tochter“ (Clara Rugaard), lebt in einem unterirdischen Hochsicherheitsbunker und wird von einem humanoiden Roboter namens „Mutter“ (Stimme von Rose Byrne) aufgezogen. Der Androide wurde entwickelt, um die Erde nach der Auslöschung der Menschheit neu zu besiedeln. Die besondere Beziehung zwischen den beiden wird bedroht, als unerwartet eine blutüberströmte fremde Frau (Hilary Swank) vor der Luftschleuse des Bunkers auftaucht und völlig aufgelöst um Hilfe schreit. Die bloße Existenz dieser Fremden stellt „Tochters“ komplette Welt auf den Kopf, und nach und nach beginnt sie, ihr einziges Elternteil als potenzielle Gefahr zu betrachten. In einem atemberaubenden Finale muss sich „Tochter“ der „Mutter“ von Angesicht zu Angesicht stellen, um die Wahrheit über ihre Welt und ihre wahre Mission herauszufinden.

Kritik

Guter Sci-Fi ist in einer sich stetig veränderten Welt mittlerweile schwer zu finden. Satt vom Fortschritt überraschen uns menschliche Innovationen nur noch bedingt. Technische Errungenschaften wie Roboter und im Allgemeinen künstliche Intelligenz wirken auf uns wenig überraschend. Fast schon normal gehören sie zu unserem täglichen Leben dazu. Roboter haben den Mensch teilweise in manchen Berufszweigen ersetzt. Sie übernehmen lebensgefährliche Aufgaben. Doch gerade der Film, die menschliche Fantasie und Vorstellungskraft, haben uns gelehrt, dass ein Schritt nach vorne, schnell auch mehrere Schritte nach hinten bedeuten können.

I, Robot oder Terminator gehören da zu den prominentesten Vertretern, die teilweise ein apokalyptisches Ausmaß – bedingt durch Fehleinschätzung und Unterschätzung einer selbst erschaffenen Macht – anteasern, in der Roboter ein bedingungsloses Eigenleben entwickeln und sich rasch gegen ihre Schöpfer wenden. Entweder endet dieses Szenario friedlich oder in der totalen Vernichtung der Menschheit. Einen Mittelweg gibt es so für mich erst spürbar, seit Ex Machina. Der junge Programmierer Caleb soll mit Hilfe eines Turing-Tests beurteilen, ob Ava, ein weiblicher Androide, ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen besitzt. Doch Ava ist so intelligent, dass es ihr gelingt, den Test und Caleb zu manipulieren. Alex Garland gelang mit diesem philosophischen Ansatz nicht nur ein Achtungserfolg, sondern auch der Beginn einer neuen Ära von Roboter und Mensch. Man weiß nicht, ob der humanoide Gefährte dein Freund oder Feind ist. Doch ganz gleich, was er nun ist, Angst verspüren wir dennoch.

I AM MOTHER setzt genau da an. Grant Sputore verfolgt mit seinem Regiedebüt eine Frage: Sind Roboter die besseren Mütter? Und viel wichtiger: Kann man ihnen trotz vieler Jahre der Obhut vertrauen? Wie weit ist das System? Ein System, in der Menschen von Robotern aufgezogen werden. In der die stählerne Hülle zu der maximalen Geborgenheit wird und die warme, weiche, blutdurchströmte Haut, keine Rolle mehr spielt. Wird es tatsächlich so kommen? Sputore lässt den Zuschauer lange Rätseln und fügt in dem „Mutter-Tochter-Gespann“ eine unbekannte Variable ein: einen reellen Mensch aus der Außenwelt. Damit braucht es wirklich nicht mehr, um einen spannenden Thriller zu inszenieren und dem Sci-Fi-Genre eine respektable Erweiterung hinzuzufügen. Wir schwanken hin und her, wenngleich wir von Beginn an wissen, dass dieser Roboter mehr ist, als nur eine fürsorgliche Mutter.

Viel erinnert mich dabei an Oblivion und der Videospielreihe Fallout. Lange wirkt alles friedlich und „ok“ für die letzten Überlebenden, doch durch Ausbrüche, Erkenntnisse und schockierende Momente erfährt man schließlich mehr über die wahre Geschichte. I Am Mother funktioniert so ähnlich. Doch spricht mich das Setting, die Atmosphäre und die Ungewissheit noch stärker an. In Kombination aus dem reduzierten, starken Cast und einer für mich Ridley Scott’schen Optik fühle ich mich sofort Zuhause. Aber ich bleibe stets neugierig, getragen von einer stimmungsvollen Erzählung, bis ich schließlich schlauer oder dummer als vorher bleibe. Es ist schon ein beachtlicher Beitrag und verstärkt nach der Sichtung von Prospect das Gefühl, dass der Sci-Fi-Film nicht tot ist, sondern seinen zweiten Frühling einläutet.

Fazit: Ich bin kein großer Freund von Hilary Swank (keine Ahnung was da schiefgelaufen ist), aber diesmal konnte mich die Oscar-Preisträgerin abholen. Zusammen mit Clara Rugaard ergibt sich der starke menschliche Gegenpart zu einem omnipräsenten Roboter, dem man nicht durchschauen kann. Es ist eine interessante Dreiecksbeziehung mit starken Frauen als Heldinnen wie einst Sigourney Weaver als toughe Ellen Ripley im Kampf gegen das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt. Da werden Erinnerungen wach, die mir ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

FSK ab 12 (grün)Originaltitel:           I Am Mother
Produktionsland/-jahr:   AU 2019
Laufzeit:                113 min
Genre:                   Thriller, Sci-Fi, Drama

Regie:                   Grant Sputore
Drehbuch:                Michael Lloyd Green
Kamera:                  Steven D. Annis

Kinostart:               22. August 2019
Home Entertainment:      -

Verleih:                 Concorde Filmverleih

(Quelle: Concorde Movie Lounge)

Ein Kommentar

  1. Klingt nach einer spannenden Geschichte. Spätestens seit EX MACHINA interessieren mich Mensch-Maschinen-Geschichten. Tolle Kritik! (Hat dazu geführt, dass ich gleich mal nachgeschaut habe, ob der Film in meiner Stadt im Kino läuft.)

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