THE CARD COUNTER | „Glücksspiel“ im Casino des Lebens

Mit THE CARD COUNTER legt „Taxi Driver“-Autor Paul Schrader in der für ihn unverkennbaren filmischen Intensität ein visuell bestechendes Meisterwerk vor, das existentielle Fragen nach moralischer Schuld, Gerechtigkeit und Erlösung stellt.

.INHALT.

William Tell (Oscar Isaac) hat Schuld auf sich geladen. Zehn Jahre saß der Soldat einer Spezialeinheit dafür im Gefängnis, während sein Vorgesetzter ungeschoren davonkam. In seiner Zelle perfektionierte William die Kunst des Kartenzählens. Wieder in Freiheit beginnt er von Casino zu Casino zu ziehen. Um kein Aufsehen zu erregen, hält er die Einsätze niedrig – mit Erfolg – bis der junge Cirk (Tye Sheridan) seinen Weg kreuzt. Die beiden haben einen gemeinsamen Feind, und Cirk will den ehemaligen Soldaten für seinen Racheplan gewinnen. Auch die Poker-Agentin La Linda (Tiffany Haddish) hat Interesse an dem talentierten Spieler und lockt nicht nur mit dem großen Geld. William sieht endlich seine Chance auf Vergebung, doch die Geister der Vergangenheit lassen sich nicht so einfach abschütteln.

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.KRITIK.

Oscar Isaac ist in aller Munde. Vor allem durch seine Performance als Marvel-Antiheld Moon Knight zeigte er einmal mehr, was für ein erstklassiger Darsteller in ihm steckt. Charakterrollen im anspruchsvollen Fahrwasser stehen ihm ebenfalls gut. Dabei kann er gleichgültig, aber auch emotional erheitert mit der Kamera und Zuschauer spielen. Nun erleben wir den gefeierten Schauspieler in Schuld und Sühne. THE CARD COUNTER ist keine leichte Kost, dafür ist auch Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader nicht bekannt. Wir bekommen einen langsamen Thriller geboten, der tatsächlich nicht für jeden überzeugend ist. Der von Rückblenden begleitete Roadtrip von Casino zu Casino, eingebettet in unendlich erscheinenden Lichtermeeren der Sündenpfuhle, ist wirklich besonders und kein klassisches Entertainment.

Die Geschichte bietet durchaus unerwartete Wendungen, doch die Spannung, die man sonst bei einem Thriller erwarten würde, blitzen nur vereinzelt auf. Es ist vielmehr ein Charakterdrama. Mehr Überraschungen gibt dahingegen von den drei „Sidekicks“ Tiffany Haddish, Tye Sheridan und William Dafoe. Sie ergänzen sich allesamt sehr gut mit Isaac und bieten tolle Schaumomente. Lässt man dann noch den exzellenten Soundtrack – ein Mix aus harten Gitarren- und intensiven Americana-Klängen – auf sich wirken, ergibt sich so ein gutes Gesamtbild. Wir erfahren generell viel über die Hauptfigur Tell, aber alles wird am Ende dann nicht aufgelöst. Ein kleines Überbleibsel, ein Mysterium im Raum, was The Card Counter noch interessanter macht. Obwohl offene Fragen rund um handlungsrelevanten Charakteren eigentlich eher negativ behaftet sind, aber funktioniert es sehr gut.

Es ist ein typischer Paul Schrader-Film geworden, mit den nicht jeder etwas anfangen kann. Wer sein Schaffen kennt, wird sich hier gleich wohlfühlen. Quereinsteiger müssen sich darauf einlassen.

.FAZIT.

Oscar Isaac ist ein Ausnahmedarsteller, der polarisiert und der The Card Counter mit seinem Wesen extrem hilft. Auch wenn ich der Meinung bin, dass der Streifen als Thriller zu wenig Thrill enthält, so bietet er durchaus düstere Charaktergeheimnisse bereit, die für das gewisse Etwas sorgen. Gewöhnungsbedürftig, aber absolut bravourös aufgelöst und von Schrader noch besser inszeniert.



OriginaltitelThe Card Counter
Produktionsland/-jahrUSA 2021
Laufzeit111 min
GenreThriller
RegiePaul Schrader
DrehbuchPaul Schrader
KameraAlexander Dynan
Kinostart3. März 2022
Home Entertainment27. Mai 2022
VerleihWeltkino Filmverleih