FREELANCE | Wo ist Liam Neeson, wenn man seine Rache mal braucht?

Action-Spezialist und „96 Hours“-Regisseur Pierre Morel versucht mit FREELANCE eine fulminante Action-Komödie mit dem sechzehnfachen Wrestling-Champion und Hollywood-Star John Cena auf das Parkett zu zaubern. Ob das gelingt?

.INHALT.

Der ehemalige Special Forces-Soldat Mason Pettits (John Cena) langweilt sich in seinem Job in einer mittelmäßigen Anwaltskanzlei und seinem Alltag als Familienvater zu Tode. Als sein alter Militärkumpel und Chef einer dubiosen privaten Sicherheitsfirma, Sebastian (Christian Slater), ihm einen Job als Bodyguard für die preisgekrönte Journalistin Claire Wellington (Alison Brie) anbietet, zögert er keine Sekunde und nimmt den Auftrag an. Der lautet: Er soll Claire auf ihrer Reise in das südamerikanische Land Paldonien beschützen, wo sie als erste Journalistin überhaupt den berühmt-berüchtigten Diktator Juan Arturo Venegas (Juan Pablo Raba) für ein Interview treffen soll. Doch das Interview wird unverhofft von einem Militärputsch unterbrochen, und Claire und ihr Bodyguard müssen zusammen mit einem verrückten Diktator in den Dschungel fliehen…

©️ Splendid Film

.KRITIK.

Wenn Wrestler in Hollywood Fuß fassen wollen, dann geht das nicht selten nach hinten los. Lediglich Dwayne „The Rock“ Johnson oder Dave Bautista gehören zum kleinen, erlesenen Kreis derer, die es aus dem Ring auf die große Leinwand erfolgreich geschafft haben. Schauspielerisch gewinnen sie aber dennoch meist keinen Preis für ihre Leistungen. Immerhin klingelt die Kinokasse. Und irgendwo dazwischen steckt John Cena, der es ebenfalls regelmäßig in AAA-Titeln schafft. Meist mimt der Muskelprotz den Comedian und dafür liebe ich ihn auch. Wenn er sich selbst nicht zu ernst nimmt, dann macht es Spaß, ihm zuzusehen. Versucht er sich jedoch an Rollen mit etwas Tiefgang, scheitert er kläglich. Daher hat man ihn nun in FREELANCE in eine recht amüsante und kontroverse Rolle gesteckt.

Als Anwalt und Familienvater soll er für einen dubiosen Freund eine Journalistin beschützen, die in einem fiktiven Land namens Paldonien einen Diktator zum ersten Mal überhaupt interviewen soll. Diese Geschichte weckt sofort Erinnerungen und lässt Zweifel keimen, dass dieser Film nicht so das wahre vom Ei ist. Und dieser Eindruck wurde schon nach den ersten Minuten bestätigt.

Freeelance entpuppt sich leider als herbe Enttäuschung. Die Geschichte ist gar nicht mal das größte Problem. Man kennt sie und hat sie schon tausende Male leicht abgewandelt gesehen, aber mit was für einen Konsequenz hier Potential verschenkt wird, ist schon arg. John Cena spielt eben eine für ihn typische Rolle. Den muskelbepackten Helden aus der Vorstadt, der eigentlich als Klassenkasper auch auf jedem Kindergeburtstag auftreten könnte. Aber es ist eigentlich der Cena, den ich gerne schaue. Der sich selbstironisch vor die Kamera stellt und einfach das macht, für was er bezahlt wird. Aber hier turnen eine Alison Brie oder ein Christian Slater über den Bildschirm und man fragt sich: „Was zum f***?“. Allgemein hat der Film ein großes Problem mit Dynamik. Die Charaktere wollen nicht so recht zusammen harmonieren beziehungsweise zusammenpassen. Und dieses nicht vorhandene Verhältnis merkt man leider auch. Es ist generell erstaunlich, wie es ein Regisseur wie Pierre Morel, der mit 96 Hours – Taken einen mitreißenden Liam Neeson-Thriller auf die Beine gestellt hat, schafft, hier die Action zu einem großen Witz verkommen zu lassen. Ja, es ist alles zweckdienlich. Aber es ist nicht innovativ, leider.

Klar, schaue ich mir auch gerne mal derartige Filme an. Es sind diese „Kopf aus, Film an“-Filme, aber es tut mir als gelernter Regisseur und Filmliebhaber in der Seele weh, wenn eben so viel Potential auf der Strecke bleibt. Immerhin macht sich der Film nicht wichtiger als er ist und weiß am Ende auch, was er ist. Aber es gab durchaus die Möglichkeit, hier mehr Anspruch walten zu lassen. Das größte Problem an diesem Film ist das Drehbuch von Jacob Lentz. Lentz hat versucht, mit Juan Pablo Raba als Diktator Venegas einen neuen Impuls in die Handlung zu bringen, was jedoch absolut zum Scheitern verurteilt ist. Venegas, eine Mischung aus taktischem Politiker, Witzfigur und südamerikanischem Charmeur, strapaziert bald die Nerven eines jeden Zuschauers und verhindert eine echte Chemie zwischen Cena und Brie. Es fehlt hier also auch an Balance und Taktgefühl. Es fühlt sich fast so an, als hätte man hier Jackie Chan, The Lost City mit Sandra Bullock und Channing Tatum sowie diverse B-Movies mit Nicolas Cage in einem Topf geworfen. Halbgar und nicht wirklich geschmackvoll.

Vielleicht gehe ich mit dem Film auch etwas hart ins Gericht, aber bei einem Budget von 40 Millionen US-Dollar darf es dann doch schon mehr sein. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass ich den Film irgendwann nochmal schaue und wesentlich mehr Spaß haben werde, aber aktuell reißt er mich nicht vom Hocker. Schade, denn John Cena kann schon was und wenn ich auf die restliche Besetzung schaue. Aber lass den Cast noch so gut sein, den Regisseur noch so erfahren, wenn das Drehbuch schlecht ist, dann können sie das auch nur in den wenigsten Fällen retten.

.FAZIT.

Ich plädiere, trotz meiner deutlichen Kritik, auf nicht schuldig. Ich kann mir gut vorstellen, dass der Film in einem anderen Rahmen zu überzeugen gewusst hätte. Als Streamingfilm hätte er wahrscheinlich mehr gerissen. So muss er sich bei starker Konkurrenz an den Kinokassen beweisen. Es wird auch den einen oder anderen geben, der den Film mit viel Freude sehen wird. Vielleicht kommt das Gefühl bei mir auch noch mal. Aber der Ist-Wert ist unterdurchschnittlich, gerade bei diesem Potential wäre so viel drin gewesen. Die größte Schwachstelle ist das Drehbuch, hier hätte mehr passieren müssen. So ist es ein generischer Film, der sich fleißig bei den Filmen der letzten Jahre bedient. Aber gebt ihm eine Chance, vielleicht bin ich auch einfach gerade zu kritisch.



OriginaltitelFreelance
Produktionsland/-jahrUSA 2023
Laufzeit109 min
GenreAbenteuer, Komödie, Action
RegiePierre Morel
DrehbuchJacob Lentz
KameraThierry Arbogast
Kino5. Oktober 2023
Home Entertainment
VerleihSplendid Film

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