Manchmal reicht eine kleine Verschiebung, damit aus etwas Alltäglichem plötzlich etwas Unheimliches wird: THE HOLY BOY nimmt genau diesen Moment und baut daraus einen Film, der sich weniger für klare Antworten interessiert als für das, was passiert, wenn Menschen beginnen, an etwas zu glauben.
.INHALT.
Nach einem traumatischen Erlebnis versucht der psychisch gebrochene Lehrer Sergio (Michele Riondino) in einem abgelegenen Alpendorf einen Neustart. Im krassen Kontrast zu seinem eigenen Befinden wirken alle Einheimischen glücklich. Bald erfährt er den Grund: Wer den introvertierten Jugendlichen Matteo (Giulio Feltri) umarmt, verliert alle negativen Gefühle. Der Junge wird von seinem Vater und der Kirche als Heiliger vermarktet und ausgenutzt. Als Sergio den Holy Boy ermutigt, aus seiner Rolle auszubrechen, hat das verheerende Konsequenzen.
.KRITIK.
THE HOLY BOY entwickelt seine Wirkung nicht über klassische Spannung, sondern über ein Gefühl, das sich langsam einschleicht. Der Film beobachtet ein Dorf und seine Bewohner mit einer auffälligen Ruhe, die zunächst fast unspektakulär wirkt, mit der Zeit aber eine ganz eigene Intensität entwickelt. Gerade weil vieles so beiläufig erscheint, beginnt man als Zuschauer genauer hinzusehen und Zusammenhänge zu suchen, die der Film selbst nie vollständig auslöst.
Im Zentrum steht der titelgebende Junge, der weniger als klar definierte Figur funktioniert, sondern vielmehr als Projektionsfläche für die Menschen um ihn herum. Je mehr über ihn gesprochen wird, desto stärker verschiebt sich die Wahrnehmung und genau darin liegt eine der spannendsten Qualitäten des Films. Es geht weniger darum, wer dieser Junge wirklich ist, sondern darum, was andere in ihm sehen und sehen wollen – und wie schnell sich aus Vermutungen Überzeugungen entwickeln können.
Der Film nimmt sich dabei bewusst Zeit, was ihm auf der einen Seite eine angenehme Tiefe verleiht, auf der anderen Seite aber auch dafür sorgt, dass sich nicht jede Passage gleich zugänglich anfühlt. Gerade im Mittelteil hätte man sich stellenweise etwas mehr Dynamik gewünscht, weil einzelne Szenen zwar stimmungsvoll sind, aber nicht immer neue Impulse setzen.
Gleichzeitig ist genau diese Zurückhaltung auch das, was The Holy Boy von vielen anderen Filmen unterscheidet. Er erklärt nicht, er bewertet nicht und er führt seine Gedanken nicht zu Ende, sondern lässt sie offen im Raum stehen. Das kann gelegentlich frustrierend sein, funktioniert aber dann besonders gut, wenn man sich auf diese Art des Erzählens einlässt.
Visuell unterstützt der Film diese Herangehensweise mit einer ruhigen, fast unaufdringlichen Bildsprache, die sich nie in den Vordergrund drängt, aber konstant eine gewisse Spannung aufrechterhält. Es sind keine großen Bilder, die im Gedächtnis bleiben, sondern eher die Atmosphäre, die sich nach und nach verdichtet.
So entsteht ein Film, der weniger über konkrete Ereignisse funktioniert als über Wahrnehmung, Stimmung und Interpretation. Nicht jede Idee wird dabei vollständig ausgearbeitet, und nicht jede Entscheidung wirkt zwingend, aber insgesamt ergibt sich ein stimmiges Gesamtbild, das gerade durch seine Offenheit an Reiz gewinnt.



.FAZIT.
The Holy Boy ist kein Film, der sich uns sofort erschließt oder klare Antworten liefert, sondern einer, der darauf setzt, dass man sich auf seine Beobachtungen einlässt und bereit ist, Leerstellen auszuhalten. Ein ruhiger, eigenwilliger Film, der nicht alles ausformuliert, aber genug anbietet, um darüber nachzudenken.
| Originaltitel | La valle dei sorrisi |
| Produktionsland/-jahr | Italien, Slowenien 2025 |
| Laufzeit | 122 min |
| Genre | Drama, Horror |
| Regie | Paolo Strippoli |
| Drehbuch | Jacopo Del Giudice, Paolo Strippoli, Milo Tissone |
| Kamera | Cristiano Di Nicola |
| Kino | 17. Januar 2026 (Fantasy Filmfest) |
| Home Entertainment | 9. April 2026 |
| Verleih/Vertrieb | Busch Media Group |

