DEAD MAN’S WIRE | Gus van Sants atmosphärischer Drahtseilakt

Gus Van Sant kehrt mit DEAD MAN’S WIRE zu jener kühlen, beobachtenden Handschrift zurück, die sein Kino seit Jahrzehnten prägt. Ein Film, der weniger erzählt als registriert, weniger erklärt als andeutet – und genau darin seine Wirkung findet. Doch diese Zurückhaltung ist zugleich Stärke und Schwäche.

.INHALT.

Eine wahre Geschichte, die die Welt in Atem hielt: Am Morgen des 8. Februar 1977 stürmt Anthony G. „Tony“ Kiritsis (Bill Skarsgård) das Büro des Präsidenten eines Hypothekenunternehmens, Richard Hall (Dacre Montgomery). Mit einer präparierten Schrotflinte bewaffnet nimmt er ihn als Geisel und fordert 5 Millionen Dollar, Straffreiheit und eine öffentliche Entschuldigung.

©️ LEONINE Studios

.KRITIK.

Viele preisgekrönte und von Kritikern gefeierten Filme von Gus Van Sant haben es schon in unsere hiesigen Kinos geschafft. DEAD MAN’S WIRE gehört nicht dazu. Ist die auf einer wahren Begebenheit beruhende Geschichte für ein deutschsprachiges Publikum weniger interessant? Vielleicht! Aufmerksamkeit hat er dennoch verdient, denn wer Van Sants Handschrift kennt und seine Werke liebt, findet hier vieles, für für er sich begeistert kann und wird. Aber auch Entscheidungen, die eher verwundern oder nicht immer ganz nachvollziehbar sind.

Dead Man’s Wire ist ein Film, der sich nicht aufdrängt. Van Sant inszeniert die Geschichte mit einer fast dokumentarischen Ruhe, die den Zuschauer zwingt, selbst Lücken zu füllen. Die Kamera bleibt distanziert, die Figuren wirken oft wie Fragmente, und die Atmosphäre ist durchgehend von einer leisen, unbehaglichen Spannung geprägt. Genau diese Zurückhaltung macht den Film visuell stark – aber erzählerisch manchmal schwer greifbar.

Die Performances tragen viel. Der Cast, von dem durchaus einige Filmemacher feuchte Augen bekommen, kann sich sehen lassen: Bill Skarsgård, Dacre Montgomery, Cary Elwes, Colman Domingo und Al Pacino. Alles was Rang und Namen hat. Und das merkt man eben auch im Schauspiel. Sie spielen mit einer Mischung aus Understatement und innerer Unruhe, die perfekt zu Van Sants Ton passt. Besonders die Hauptfigur Richard Hall wirkt wie ein Mensch, der ständig zwischen Kontrolle und Zusammenbruch pendelt. Es ist kein lautes Schauspiel, sondern eines, das sich in Blicken, Pausen und kleinen Gesten entfaltet. Da sind sich viele einig: Die Darsteller sind das stärkste Element des Films.

Visuell ist Dead Man’s Wire beeindruckend. Van Sant nutzt Räume, Licht und Stille wie dramaturgische Werkzeuge. Die Bilder wirken oft wie eingefrorene Momente, die mehr erzählen als der Plot selbst. Die Stimmung ist dicht, manchmal hypnotisch, manchmal beklemmend. Man spürt, dass Van Sant hier wieder in seinem Element ist – minimalistisch, präzise, unaufgeregt.

Doch genau diese Präzision hat ihren Preis. Die Story bleibt spröde, fragmentarisch, emotional distanziert. Wirklich öffnen tun sich die Darsteller bzw. Figuren nicht. Konflikte bleiben angedeutet, Motivationen verschwimmen, und manche Szenen wirken eher wie Skizzen als wie voll ausgearbeitete Momente. Dead Man’s Wire ist ein Film, der bewusst nicht alles gibt – aber dadurch nicht immer genug bietet..

.FAZIT.

Trotzdem: Die Atmosphäre trägt. Die Inszenierung ist stark. Die Performances sind fein nuanciert. Und Van Sant beweist erneut, dass er ein Meister darin ist, Menschen in Zwischenzuständen zu zeigen. Dead Man’s Wire ist kein Film, der überwältigt, aber einer, der durchaus hängen bleibt – wie ein Gedanke, der sich nicht ganz zu Ende formulieren lässt.



OriginaltitelDead Man’s Wire
Produktionsland/-jahrUSA, Deutschland, Israel 2025
Laufzeit104 min
GenreThriller, Drama, Biografie
RegieGus Van Sant
DrehbuchAustin Kolodney
KameraArnaud Potier
Kino–
Home Entertainment/Streaming7. August 2026
VerleihLEONINE Studios

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