PLATZSPITZBABY | Zwischen Wut und Betroffenheit

Mit PLATZSPITZBABY erzählt Regisseur Pierre Monnard eine geradezu unglaubliche Geschichte – angesiedelt mitten im Züricher Drogenmilieu. Im Fokus der Geschichte steht das berührende Schicksal eines 11-jährigen Mädchens, gespielt von Luna Mwezi (eine Neuentdeckung), deren enorme Leinwandpräsenz für euphorische Kritiken sorgte.

.INHALT.

Frühling 1995: Nach der Auflösung der offenen Drogenszene in Zürich ziehen die elfjährige Mia (Luna Mwezi) und ihre Mutter Sandrine (Sarah Spale) in ein verschlafenes Städtchen im Zürcher Oberland. Die anfängliche Idylle endet schnell als alte Freunde auftauchen und Sandrine rückfällig wird. Mia flüchtet sich in eine Traumwelt und schmiedet fantastische Pläne für ein Inselleben mit ihrer Mutter, fernab der Drogen. In einer neuen Freundesclique findet Mia bald eine Art Ersatzfamilie und immer mehr auch die Kraft, sich gegen ihre alles beherrschende Mutter aufzulehnen.

© EuroVideo Medien

.KRITIK.

Wir Kinder vom Bahnhof Zoo hat 1981 für große Aufmerksamkeit gesorgt. Nicht nur wegen David Bowies Einfluss auf den Film, sondern auch vor allem wegen der polarisierenden Thematik. Der Bahnhof in der City West von Berlin war das Drehkreuz für den internationalen Fernverkehr, hatte jedoch ein schmuddeliges Image anheften. Drogen, Obdachlosigkeit, Prostitution und Minderjährige trieben sich hier herum. Ausgestoßene, die in der aufstrebenden Gesellschaft keinen Platz mehr fanden. Das Filmdrama Uli Edel hat Filmgeschichte geschrieben und weltweit für tosenden Applaus gesorgt. Das Porträt dieses Mikrokosmos, in der Konventionen und Gesetze nicht gelten, berührt trotz seines Alters von über 40 Jahren, zeitgemäß und auf andere vergleichbare Hotspots anwendbar. So schlage ich elegant und zuversichtlich die Brücke zu einem vergleichbaren Werk.

Frohen Mutes gehe ich diesen Schritt nicht, denn das Problem bleibt gleich: Drogen. Wir wechseln das Setting und reisen in die Schweiz. Kaum einer würde dieses Land mit solchen Milieus in Verbindung bringen. Doch am Hauptbahnhof in Zürich hat sich eine ähnliche Situation ereignet. PLATZSPITZBABY erzählt die Geschichte der heroinsüchtigen Mutter Sandrine und ihrer 11-jährigen Tochter Mia anhand einer fesselnden und emotionalen Erzählung. Im Jahr 1995 galt der Park Platzspitz als der Treffpunkt der Züricher Drogenszene und dessen Räumung durch die Behörden. Angelehnt ist das Drama an den gleichnamigen, autobiographischen Bestseller von Michelle Halbheer und Franziska K. Müller – so beruht die filmische Umsetzung auf wahren Begebenheiten und schockiert damit gleich mehr. Wenn Kinder im Spiel sind, trifft es mich dann als Vater auch persönlich. Nicht weg-, sondern hinsehen lautet hier die Devise. Und das gelingt sehr gut. Platzspitzbaby ist krass, hart und schonungslos. Es ist eben ein Kapitel, was gerne zur Seite geschoben wird.

Getragen wird der Film zweifellos von den beiden Hauptdarstellerinnen Sarah Spale und Newcomerin Luna Mwezi. Mit welcher Hingabe und Überzeugung sie dieses schwere Thema aufnehmen und spielen, ist authentisch und bewegend. Natürlich kann der Eindruck entstehen, dass hier zu „dick“ aufgetragen wird (was ich auch verstärkt in den Foren lesen musste). Aber das Gefühl hatte ich gar nicht. Es ist angemessen, angemessen an der Situation. Für mich ist Platzspitzbaby wichtig und notwendig. Viel bekomme ich aus der Schweiz auf filmischer Ebene nicht mit, aber dieser Beitrag ist qualitativ hochwertig und wohl einer der besseren Beiträge, die ich in letzter Zeit sehen durfte. Gewöhnungsbedürftig bleibt aber die Sprache, die sich mit unzähligen Anglizismen herumschlägt. Damit muss man leben, denn der Film verdient Beachtung und erhält eine klare Empfehlung.

.FAZIT.

Langsam fang ich an, mich doch sehr zu ärgern. Viele, die sowohl Buch als auch Film kennen, meinten zu mir, dass das der richtige Weg ist zu sehen und zu verstehen. In der Tat fehlt mir oft die Zeit, doch scheint es hier besonders lohnenswert zu sein. Sie ergänzen sich und die Details werden klarer und zielstrebiger. Nun gut, da habe ich was nachzuholen. Allerdings hat mich das Gezeigte jetzt schon sehr bewegt und schockiert zurückgelassen. Doch so schrecklich wie das auch alles ist, schenkt mir der Film irgendwie neben viel Wut auch Hoffnung, dass es immer einen Ausweg gibt und dass dieser Schritt bei jedem selbst liegt. Es ist ein Spagat, den Regisseur Pierre Monnard mit viel Selbstvertrauen und Empathie meistert. Respekt an alle Beteiligten.



OriginaltitelPlatzspitzbaby
Produktionsland/-jahrSchweiz 2020
Laufzeit98 min
GenreDrama
RegiePierre Monnard
DrehbuchAndré Küttel
KameraDarran Bragg
Kinostart18. November 2021
Home Entertainment24. März 2022
VerleihEuroVideo Medien

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