NÜRNBERG | Wie viel Faszination verträgt das Böse?

Die Oscar®-Preisträger Russell Crowe und Rami Malek liefern sich in James Vanderbilts NÜRNBERG ein nervenaufreibendes psychologisches Duell von großer Intensität. Der packende und bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzte Politthriller über den folgenreichsten Prozess des 20. Jahrhunderts verbindet spannungsreiches Justizdrama mit einer vielschichtigen Auseinandersetzung über Macht, Schuld, Ideologie und Verantwortung.

.INHALT.

Nürnberg, 1945. In den Ruinen einer vom Krieg gezeichneten Stadt erhält der amerikanische Militärpsychiater Dr. Douglas M. Kelley (Rami Malek) einen ungewöhnlichen Auftrag: Er soll die inhaftierten Hauptverantwortlichen des NS-Regimes in Vorbereitung auf die Nürnberger Prozesse untersuchen. Unter ihnen ist der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe), dessen Intelligenz, Charisma und manipulative Stärke Kelley gleichermaßen herausfordern wie faszinieren. Trotz anfänglicher Machtspiele gelingt es dem Arzt, Görings Vertrauen zu gewinnen und Einblick in seine Persönlichkeit zu erhalten. Während im Gerichtssaal die Verhandlungen beginnen, fällt es Kelley zunehmend schwerer, die notwendige Distanz zu wahren.

©️ Weltkino Filmverleih

.KRITIK.

Gerade der deutsche Zuschauer dürfte – tragischerweise – von Historiendramen rund um den Zweiten Weltkrieg ziemlich genervt sein. Wenngleich die Aufarbeitung zu unserer Geschichte gehört, auch auf cineastischer Ebene, so freuen wir uns doch auch über andere Inhalte. Sicherlich sind deutsche Kriegsfilme über weite Strecken Epen, die die Grausamkeiten eine Herrschaft zeigen, die zum Glück nicht gesiegt hat. Die Schrecken und Verbrechen zu zeigen und uns damit vor Augen zu führen, dass sich doch Geschichte nicht wiederholen darf. Aber ich bin der Überzeugung: der deutsche Film kann mehr. Und nun hat sich Regisseur James Vanderbilt einen ebenfalls historisch deutschen Stoff genommen und ihn für Hollywood „aufbereitet“: Die Nürnberger Prozesse.

NÜRNBERG entscheidet sich für den Weg des Hollywood’schen Thrillers – was gut oder schlecht sein kann. James Vanderbilt konzentriert sich weniger auf den gesamten Prozess als auf die ungewöhnliche Beziehung zwischen dem amerikanischen Militärpsychiater Douglas Kelley und Hermann Göring. Kelley soll die Angeklagten psychologisch untersuchen und ihre Verhandlungsfähigkeit feststellen. Bei Göring entwickelt sich daraus ein faszinierendes Katz-und-Maus-Spiel.

Und zunächst funktioniert das erstaunlich gut.

Russell Crowe ist als Göring zweifellos die größte Stärke des Films. Er spielt ihn nicht einfach als eindimensionales Monster, sondern als charismatischen, selbstbewussten und erschreckend gewandten Manipulator. Göring weiß, wie er Räume und Menschen für sich einnimmt. Crowe verleiht ihm dabei eine Präsenz, die fast jede Szene an sich zieht.

Genau darin liegt allerdings auch ein Problem des Films. Man kann sich dieser Faszination kaum entziehen – und Nürnberg scheint sie selbst ebenfalls nicht immer kontrollieren zu können. Göring bekommt enorm viel Raum, während seine Opfer und die Dimension seiner Verbrechen häufig in den Hintergrund rücken.

Das macht die Figur als Filmcharakter interessant, birgt aber die Gefahr, aus einem Täter eine beinahe überlebensgroße Persönlichkeit zu machen.

Die Idee, den Prozess über Kelley und Göring zu erzählen, gefällt mir grundsätzlich. Sie ermöglicht einen persönlichen Zugang zu einem ansonsten sehr komplexen historischen Ereignis. Interessant ist vor allem, dass Kelley selbst keineswegs der lupenreine Held ist. Er ist fasziniert von den Männern, die er untersuchen soll, und erkennt durchaus die Möglichkeit, aus seinen Erfahrungen später persönlichen Ruhm zu ziehen. Diese moralische Grauzone macht ihn eigentlich zu einer spannenden Figur.

Leider wird daraus nicht immer so viel gemacht, wie möglich gewesen wäre.

Rami Malek spielt Kelley bewusst eigenwillig und nervös. Für mich funktioniert das allerdings deutlich weniger gut als Crowes Göring. Während Crowe seine Figur über Charisma und Kontrolle definiert, wirkt Maleks Spiel stellenweise gekünstelt. Das Psychoduell zwischen beiden hätte dadurch eigentlich noch interessanter werden können – stattdessen entsteht ein deutliches Ungleichgewicht.

Was mich letztlich am meisten beschäftigt hat, ist der Ton des Films. „Nürnberg“ ist handwerklich hochwertig, spannend inszeniert und gerade im Gerichtssaal immer wieder packend. Michael Shannon bekommt als Chefankläger Robert H. Jackson einige der stärksten Momente des Films.

Doch gleichzeitig fühlt sich vieles sehr nach klassischem Hollywood-Historienkino an. Der Nürnberger Prozess wird auf eine überschaubare Zahl von Figuren und Konflikten heruntergebrochen, Nebenhandlungen werden dramaturgisch zurechtgelegt und historische Zusammenhänge teilweise zugunsten des Psychothrillers vereinfacht. Genau das bemängeln auch mehrere Kritiken: Der Film sei zwar zugänglich und unterhaltsam, verliere dabei aber historische und moralische Komplexität.

Besonders irritierend ist das, wenn plötzlich Originalaufnahmen aus den Konzentrationslagern zu sehen sind. Diese Bilder sind real, unerträglich und von einer Wucht, gegen die die gesamte Hochglanzinszenierung des Films kaum ankommt. Für mich entsteht dadurch ein eigenartiger Bruch: Das echte Grauen ist plötzlich da – und macht sichtbar, wie stark der Rest des Films stilisiert und dramatisiert wurde.

Trotzdem würde ich Nürnberg nicht kleinreden. Gerade weil der Film zugänglich ist, kann er ein Publikum erreichen, das sich vielleicht nicht freiwillig mit den historischen Hintergründen der Prozesse beschäftigen würde. Und die zentrale Frage bleibt wichtig: Wie begegnet man Menschen, die für unvorstellbare Verbrechen verantwortlich sind, wenn man sie nicht einfach töten, sondern vor Gericht stellen will?

.FAZIT.

Nürnberg ist für mich ein spannender und hervorragend besetzter Historien-Thriller, der seinem gewaltigen Stoff aber nicht immer gerecht wird. Russell Crowe liefert eine beeindruckende Vorstellung, die Gerichtssequenzen funktionieren und das Psychoduell zwischen Göring und Kelley bietet einen ungewöhnlichen Zugang.

Gleichzeitig macht es sich der Film zu einfach. Er interessiert sich stärker für die faszinierenden Männer im Zentrum als für die Menschen und Verbrechen, die eigentlich den Grund für diesen historischen Prozess bilden. Ausgerechnet seine stärksten Momente – die realen Bilder aus den Konzentrationslagern – erinnern daran, wie viel schwerwiegender die Geschichte hinter diesem Film ist.

Ich bin deshalb mit gemischten Gefühlen aus dem Film gegangen: beeindruckt von dem, was er als Kino leistet, aber unzufrieden mit dem, was er aus seiner Geschichte macht.



OriginaltitelNuremberg
Produktionsland/-jahrUSA, Ungarn 2025
Laufzeit148 min
GenreDrama, Thriller
RegieJames Vanderbilt
DrehbuchJames Vanderbilt, Jack El-Hai
KameraDariusz Wolski
Kino7. Mai 2026
Home Entertainment21. August 2026
Verleih/VertriebWeltkino Filmverleih

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