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DEUTSCHSTUNDE | Die totalitäre Zerstörung einer Freundschaft

Zwei Freunde werden erbitterte Feinde – und zwischen ihnen steht ein elfjähriger Junge, der von beiden geliebt werden will. Siegfried Lenz’ 1968 erschienener Roman DEUTSCHSTUNDE thematisiert Repression und die Zerstörung menschlicher Beziehungen in einem autoritären System – und ist in Zeiten, in denen antidemokratische Tendenzen weltweit zunehmen, bestürzend aktuell.

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© Wild Bunch Germany

Inhalt

Deutschland, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Der Jugendliche Siggi Jepsen (Tom Gronau) muss in einer Strafanstalt einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben. Er findet keinen Anfang, das Blatt bleibt leer. Als er die Aufgabe am nächsten Tag nachholen muss, diesmal zur Strafe in einer Zelle, schreibt er wie besessen seine Erinnerungen auf. Erinnerungen an seinen Vater Jens Ole Jepsen (Ulrich Noethen), der als Polizist zu den Autoritäten in einem kleinen norddeutschen Dorf zählte und den Pflichten seines Amtes rückhaltlos ergeben war. Während des Zweiten Weltkriegs muss er seinem Jugendfreund, dem expressionistischen Künstler Max Ludwig Nansen (Tobias Moretti), ein Malverbot überbringen, das die Nationalsozialisten gegen ihn verhängt haben. Er überwacht es penibel, und Siggi (Levi Eisenblätter), elf Jahre alt, soll ihm helfen. Doch Nansen widersetzt sich – und baut ebenfalls auf die Hilfe von Siggi, der für ihn wie ein Sohn ist. Der Konflikt zwischen den beiden Männern spitzt sich immer weiter zu – und Siggi steht zwischen ihnen. Anpassung oder Widerstand? Diese Frage wird für Siggi entscheidend…

Kritik

Pünktlich zum Einheitstag erscheint Siegfried Lenz‘ 1968 erschienener Roman als neue Kinoadaption auf der große Leinwand. Dabei folgt Regisseur Christian Schwochow ohne größere Experimente der literarischen Vorlage und zeigt, in erdrückenden und zugleich gewaltigen Bilder einen stillen Epos um zwei Freunde, die zur Zeit der Nationalsozialisten sich entzweien. In einem autoritären System wird ausgerechnet der hin- und hergerissene Siggi zu leidtragenden Figur. Sinnbildlich für ein unerfahrenes und unentschlossenes Kind steht er für eine zerrissene Gesellschaft. Getrieben von Vorschriften, Veränderungen und Regeln muss er nicht nur seinen Platz im Leben finden, sondern auch an welcher Seite er schließlich stehen will. An der von einem autoritären System geleiteten Vater oder an der des alten Freundes und Künstlers Max Ludwig. Am Scheideweg von Zwang und Freiheit muss eine Entscheidung her, obwohl es diese eigentlich gar nicht geben muss und darf. DEUTSCHSTUNDE schöpft aus seiner trüben Grundstimmung viel Kraft. Gerade Tobias Moretti, den ich als überaus guten Darsteller in Filmen sehr schätze, ist der Lichtblick, während alles in Dunkelheit zu versinken scheint. Keine Kritik, sondern eben das Ziel, welches Schwochow auch erreichen wollte und damit dem Leitbild des Romans folgt. In der beeindruckenden Nordseekulisse, wo Wind und Wetter an den Küsten nagen, wird der schroffe Ton des Films herausragend in seine Umgebung eingesetzt. Fantastische Bilder meets beeindruckende Schauspieler. Der Film birgt seine Längen und eine gewisse thematische Unausgeglichenheit, weiß aber mit den wenigen Schwächen umzugehen und einen fast bis zum Ende gut inszeniertes Drama zu kredenzen. Der Schluss folgt derweil nicht dem Credo des restlichen Films, was ich im Schlusssatz ziemlich schade finde und was durchaus vermeidbar gewesen wäre.

Fazit: Ein bedrückendes, aber auch notwendiges Werk, dass es trotz seiner zeitlichen Eingrenzung auf die Hitlisten aktueller Diskussionen schafft. Antidemokratische Tendenzen nehmen zu und so wirkt Deutschstunde dagegen. Siggi der Zerrüttete und die beiden Fronten.

FSK ab 12 (grün)Originaltitel:           Deutschstunde
Produktionsland/-jahr:   DE 2019
Laufzeit:                130 min
Genre:                   Drama

Regie:                   Christian Schwochow
Drehbuch:                Heide Schwochow, Siegfried Lenz (Buch)
Kamera:                  Frank Lamm

Kinostart:               3. Oktober 2019
Home Entertainment:      -

Verleih:                 Wild Bunch Germany

(Quelle: Wild Bunch Germany)

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