DER SPITZNAME | Wenn die Familie zur Naturgewalt wird

Aller guten Dinge sind drei: Nach den erfolgreichen Gesellschaftskomödien „Der Vorname“ und „Der Nachname“ gibt es in DER SPITZNAME jetzt ein Wiedersehen mit der liebenswerten, wenn auch etwas dysfunktionalen Großfamilie Böttcher-Wittmann-Berger-König: Erfolgsregisseur Sönke Wortmann inszeniert den dritten Teil gewohnt pointiert, vielschichtig und vor allem wieder höchst amüsant.

.INHALT.

Anna (Janina Uhse) und Thomas (Florian David Fitz) wollen heiraten und haben die Familie in die Tiroler Alpen eingeladen. Stephan (Christoph Maria Herbst) sinniert typisch schlecht gelaunt im Ski-Lift über das aktuelle Leben der Böttchers, Wittmanns, Bergers und Königs: Anna hat überraschend doch noch Karriere als Schauspielerin gemacht, Thomas steht kurz davor, in den Vorstand eines Immobilienkonzerns aufzusteigen – vorausgesetzt, er besteht die obligatorische Sensibility-Schulung. Stephans Frau Elisabeth (Caroline Peters) arbeitet zwar noch als Lehrerin, bessert die Haushaltskasse aber heimlich mit Bitcoin-Handel auf. Und René (Justus von Dohnányi), verheiratet mit Dorothea (Iris Berben) und seit drei Jahren Eltern von Zwillingen, entpuppt sich als überfürsorglicher Helikopter-Vater. Stephan selbst wurde kürzlich als Professor aus der Uni entlassen; es gab da einen Vorfall. Und mit Cajus (Jona Volkmann), 18, und Antigone (Kya-Celina Barucki), 17, bringt Stephan und Elisabeths jugendlich-woker Nachwuchs zusätzlich Chaos in die erhoffte Winteridylle. Am Ende steht nicht nur die geplante Hochzeit auf der Kippe…

©️ Constantin Film

.KRITIK.

Wenn Sönke Wortmann ruft, kommt die Familie – nicht leise, nicht friedlich und garantiert nicht konfliktfrei – zusammen. DER SPITZNAME, das neuste Kapitel seiner herrlich eskalierenden Namen-Diskussions-Reihe, serviert uns mal wieder alles, was wir lieben und fürchten an Familienfeiern: zu viel Meinung, zu wenig Diplomatie – und ganz sicher kein Dessert ohne Drama.

Was als gemütliches Hochzeitswochenende im schicken Tiroler Chalet beginnt, verwandelt sich in ein Festival des passiv-aggressiven Schlagabtauschs. Anna und Thomas laden ihre liebsten Verwandten ein, und die bringen, wie es sich gehört, nicht nur dicke Jacken, sondern auch dicke Meinungen mit. Von Genderfragen über Klimakrise bis zu veganem Catering – jeder hat was zu sagen, keiner hält’s für nötig, sich zurückzuhalten.

Wortmann versteht es wie kaum ein anderer deutscher Regisseur, unseren Zeitgeist so elegant in familiäre Dialoggewitter zu verpacken, dass man gleichzeitig lacht, nickt, und sich fragt, ob man den eigenen Onkel beim nächsten Weihnachtsessen vielleicht doch auslädt.

Die Besetzung? Ein Traum für alle, die sehen wollen, wie sich ein Ensemble auf Augenhöhe mit maximaler Wortschärfe die Bälle zuspielt. Christoph Maria Herbst ist mal wieder in Höchstform – eine Mischung aus Sarkasmus-Scharfschütze und emotionalem Minenräumer. Caroline Peters? Trocken wie ein Martini ohne Olive. Iris Berben? Herrlich über allem schwebend, mit dem unerschütterlichen Blick der matriarchalen Allwissenden.

Was Der Spitzname so gut macht: Er lässt seine Figuren in der Schusslinie stehen, ohne sich über sie lustig zu machen. Statt Klamauk bekommen wir kluge, pointierte Dialoge – gewürzt mit Timing, Tempo und dem ein oder anderen Schneeball mitten ins Gesicht. Es menschelt, kracht, und schneit. Und unter all dem Chaos blitzt immer wieder eine ganz zarte Erkenntnis auf: Familie nervt – aber ohne wäre es halt auch ganz schön langweilig.

.FAZIT.

Ob das alles realistisch ist? Wahrscheinlich nicht. Aber genau das macht Der Spitzname so schön. Denn mal ehrlich: Wer hat nicht schon mal von einer Familienfeier fluchtartig flüchten wollen – oder wenigstens vom Balkon aus kurz überlegt, ob ein Lawinenabgang nicht doch die sympathischere Exit-Strategie wäre?

Wortmann zeigt: Man kann gleichzeitig lachen und nachdenken. Und das ist vielleicht die größte Kunst in diesen Zeiten.



OriginaltitelDer Spitzname
Produktionsland/-jahrDeutschland 2024
Laufzeit90 min
GenreKomödie
RegieSönke Wortmann
DrehbuchClaudius Pläging
KameraAndreas Berger
Kino19. Dezember 2014
Home Entertainment8. Mai 2025
VerleihConstantin Film

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